Spiele in der Personalentwicklung – Teil 1: Wann lohnen sie sich?

Zu Teil 2 und Teil 3

Wenn man vor der Entscheidung steht, für eine Mitarbeiterqualifizierung Planspiele einzusetzen (und wenn Sie diese Seite lesen, wollen Sie diese Entscheidung womöglich treffen), stellt sich vor allem eine Frage: Warum?

Was vielen Menschen mit Spielerfahrung aus Rollen- oder Strategiespielen intuitiv klar  ist – dass diese Spiele Wissen und Kompetenzen vermitteln können – lässt sich schwer in die üblichen Entscheidungswege übersetzen.

Wenn man diese Entscheidung nach wirtschaftlichen Grundlagen und ehrlich vor sich selbst treffen will, dann muss man sicher sein können, dass die Nutzung eines Planspiels effizient und effektiv ist.

Effizienz von Planspielen bei der Personalentwicklung

Allgemeinplätze vor: Effizient ist eine Weiterbildungsmethode dann, wenn der Output größer ist als der Input. Die Ressourcen, die dafür aufgebracht werden, müssen in jedem Fall geringer sein, als die zu erwartenden Steigerungen der Zielparameter. Je nachdem, welche Ziele eine Organisation verfolgt, ist dies mal mehr und mal weniger gut messbar. Selbst bei gewinnorientierten Unternehmen bleibt häufig unklar, welchen monetären Effekt eine qualifizierende Beraterleistung hat. Bei (gemeinnützigen oder politischen) Organisationen mit anderen  oder mehreren Zielparametern wird dies nicht einfacher.

Opportunitätskosten nicht angewandter Methoden können so gut wie nie aufgedeckt werden: Möglicherweise bringt ein Wochenendworkshop auch nicht mehr als das Verteilen eines Lehrbuches an die Mitarbeiter. Die Realität ist, dass die Effizienz von Schulungen immer schwer fassbar bleiben wird.

Vor diesem Hintergrund muss der Blick sich auf die Ziele der Schulung selbst richten und darauf, welche Methode nach dem aktuellen Stand des Wissens am besten geeignet ist, sie zu erreichen. Konkret: Was können Planspiele besser als andere Methoden?

Effektivität von Planspielansätzen

Der aktuelle Stand des Wissens ist, dass insbesondere bei der Vermittlung von vorhandenem, strukturierten Wissen Spiele nicht(pdf) signifikant besser abschneiden als andere Lehrformate. Ihr Vorteile im Vergleich mit anderen Methoden liegen bei der Motivation der Lernenden, beim affektivem Lernen, und der selbstbewussten Aneignung von Wissen.

Motivation

Durch die Verwendung von Lernspielen werden die Mitarbeiter motiviert, sich Wissen anzueignen, um einen Vorteil im Spiel zu gewinnen. Der Königsweg ist dabei tangentiales Lernen. (Achtung, Link führt zu Video)

Im Spiel wird ein Fachwort erwähnt, zum Beispiel „Red-Queen-Dynamik“. Um einen Vorteil gegenüber anderen Spielern zu haben (ein affektiver Impuls), informiert man sich freiwillig und hoch motiviert darüber (im ersten Schritt zum Beispiel auf Wikipedia).

Affektives Lernen

Das Verbinden von Gefühlen mit neu erworbenem Wissen, das affektive Lernen, ist einer der wirkungsvollsten Effekte, die wir bei Lernenden erreichen können. Der Moment, in dem ein Team dem anderen den sicher geglaubten Sieg entreißt, weil es eine Planskizze gefunden hat, ist der Moment, in dem alle beteiligten lernen, wie wichtig Datensicherheit ist.

Selbstbewusstes Lernen

Jedem Mitarbeiter wird auch seine eigene Rolle im Kontext des Gelernten klar. Anstelle der Definitionen aus Lehrbüchern über die Rolle verschiedener Projektbeteiligter treten persönliche Erfahrungen aus dieser Perspektive heraus. Über die Aufgaben eines Controllers Bescheid zu wissen, ist etwas völlig anderes, als bei Kollegen Korrekturen einfordern zu müssen. So eine Rolle zu begreifen, zu groken, erreicht man nicht durch Vorträge.

Ein Beispiel

Ich bin seit 14 Jahren zertifizierter Telefonseelsorger. 80% aller Kompetenzvermittlung fanden über Rollenspiele statt. Deren zeitlicher Anteil war viel geringer. Fachwissen zu diversen Themen musste erworben werden: zu psychischen Störungen, Umgang mit Gewalterfahrung, Trauer, extremer Angst, Hilfeangeboten, Verfahren und Techniken, die von anderen Helfern eingesetzt werden.

Dieses Wissen am Telefon tatsächlich einem wimmernden Anrufer auch so zu vermitteln, dass er es in einem Zustand extremer Verzweiflung aufnehmen kann, habe ich nur gelernt, indem wir die unvorhersehbare Situation am Telefon wieder und wieder durchgespielt haben. Am Ende der Ausbildung hatte ich kaum Angst vor dem, was ich beim Abnehmen des Hörers auffangen muss und konnte effektiv helfen.

In Krisenmomenten kann man sich nicht auf Bücher oder unzureichende Methoden verlassen. Doch welche Art von Spielen bringt diese Erfolge und bereitet wirklich vor? Und wann lohnt sich der Aufwand?

Wo sollten Spiele eingesetzt werden? Die Antwort auf einen Blick

  1. Je größer die Verantwortung und Eigenständigkeit der Organisationseinheit ist, die geschult werden soll, desto mehr lohnt sich die Integration von Planspielen in die Qualifikationsmaßnahme.
  2. Je wichtiger es ist, dass das vermittelte Wissen auch angewendet wird, desto mehr lohnt sich die Anwendung von Planspielen.
  3. Je unmotivierter die Mitarbeiter für eine Qualifizierung sind, die aus Führungssicht notwendig ist, desto mehr lohnt sich die Anwendung von Planspielen. Dabei sollte man auch an die Mitarbeiter in Leitungspositionen denken, die meinen, sie wüssten schon alles und eine Fortbildung ist nur Zeitverschwendung.
  4. Je mehr Dimensionen eine Herausforderung hat, je mehr Beteiligte es gibt, je schwieriger Planung und Kontrolle werden, desto mehr lohnt sich die Anwendung von Planspielen. Soll ein Mitarbeiter allein Entscheidungen entlang einer Zielkoordinate (zum Beispiel „Gewinn“) treffen, braucht es kein Planspiel, das wäre zu einfach.

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