Wenn es ernst wird, spielen Sie ein Spiel!

Wenn Sie an Situationen denken, bei denen richtig viel auf dem Spiel steht, wo Entscheidungen das Leben vieler Menschen zum guten oder zu schlechten beeinflussen können, woran denken Sie dann? Vielleicht an die sich abzeichnende Firmenübernahme die Sie seit Wochen nicht ruhig schlafen lässt? Oder geht es um den Investitionsplan, der Ihr mittelständisches Traditionsunternehmen aus den rückläufigen Umsatzzahlen führen soll?

Eigentlich sind Sie von ihrem Plan überzeugt und haben grünes Licht für die Umsetzung. Aber was, wenn Sie etwas übersehen haben? Das könnte Ihr Unternehmen endgültig in die Insolvenz treiben und Ihre Mitarbeiter und deren Familien den finanziellen Boden unter den Füßen wegziehen. Außerdem sind Sie einer der größten Arbeitgeber in der Stadt, so dass Ihr Scheitern noch viel mehr Menschen betreffen könnte…

Es muss nicht immer so dramatisch sein, aber so ziemlich jeder der kein Soziopath oder dem Dunning-Kruger-Effekt erlegen ist, macht sich vor einer wichtigen Entscheidung solche Gedanken. Gerade bei besonders gewissenhaften Entscheidern bleibt immer die Stimme im Hinterkopf die sich fragt: „Habe ich an alles gedacht?“

Da kann es sich lohnen, sich von Leuten inspirieren zu lassen, die Entscheidungen über Leben und Tod treffen müssen, nämlich von den Planern militärischer Einsätze.

Wie in eigentlich allen großen Organisationen gibt es eine Tendenz, Personen in höhere Planungsebenen zu befördern, die schnell und mit voller Überzeugung hohe Risiken eingehen. Dabei handelt es sich wie oben erwähnt entweder um Dunning-Kruger-Betroffene, denen das Risiko und die Tragweite ihrer Entscheidung gar nicht bewusst ist, oder um Soziopathen, denen beides egal ist. Während man die Dunning-Kruger-Fraktion über formale Tests gut identifizieren und ausfiltern kann, sind funktionierende Soziopathen kaum zu erkennen.

In der Regel ist es schwer zu sagen, ob ein General ein militärstrategisches Genie ist, oder ob eine Mischung aus Glück und Survivorship Bias für seine militärischen Erfolge verantwortlich ist. Man weiß also nicht, ob er Plan, der über das Schicksal tausender Soldaten entscheiden wird, das Produkt fundierter Planung ist oder einer Glückssträhne entspringt, die jederzeit enden kann.

Um Glückssträhnen auszuschließen, sind die US-Streitkräfte seit Beginn des Jahrtausends bemüht, Simulationen möglichst früh in ihre Einsatzplanungen einzubeziehen. Kompetente Planer, die genauso wie Sie die „Habe ich an alles gedacht?“-Stimme in ihrem Kopf haben, gewinnen durch mehrmalige Simulation an (Selbst-)Sicherheit und Glückssträhnen können als solche erkannt werden.

Damit solche Simulationen gelingen kommt es auf drei Punkte an:

  1. das Identifizieren aller beteiligten Akteure und deren Ziele als Szenario für die Simulation,
  2. die Trennung von Fakten und Annahmen als Grundlagen für das Regelwerk der Simulation und
  3. die Besetzung aller Akteure und sowie der Spielleitung mit den richtigen Personen.

Besonders die ersten beiden Punkte stellen besondere Anforderungen an die ausführenden Personen. Sie müssen Situationen abstrahieren und mit absoluter Neutralität bewerten können. Die US-Streitkräfte haben dafür eigens einen Lehrgang an der University of Foreign Military and Cultural Studies eingerichtet. In diesem Lehrgang können Offiziere der verschiedenen Waffengattungen sechs, neun oder 18 Wochen lange Fortbildungskurse besuchen, nach deren Bestehen sie formal für diese Tätigkeiten qualifiziert sind.

Selbst die besten Schach-Spieler können sich nicht selbst besiegen. Wenn Sie solche Simulationen für sich nutzen wollen, ist es deshalb wichtig, dass Sie sich unabhängige und qualifizierte Unterstützung organisieren. Unabhängig bedeutet vor allem, dass Personen, die Ihnen direkt oder indirekt unterstellt sind, ausscheiden um Gruppendenken vorzubeugen. Dafür in Frage kommen Personen auf der gleichen Hierarchieebene wie Sie, mit denen Sie aber im Tagesgeschäft nichts zu tun haben. Die beste Lösung sind jedoch darauf spezialisierte Berater.

Der seriöse Begriff „Simulation“ ist für dieses Vorgehen nicht ganz problemfrei, da er bei den Beteiligten Assoziationen zu trockenem und deterministischen wissenschaftlichem Vorgehen weckt. Viel besser passt der Begriff des Spiels, weil jede Durchführung zu neuen und unerwarteten Ergebnissen führen kann. Schließlich soll der im Fokus stehende Plan unter allen nur erdenklichen Umständen geprüft werden.

Zusätzlich befreit der Begriff des Spiels die teilnehmenden Personen von dem kreativitätseinschränkenden Korsett der Seriosität, in das sie sich während des wirtschaftlichen oder militärischen Tagesgeschäfts selber zwängen. Nicht umsonst wird dieses vorgehen im englischsprachigen militärischem Sprachgebrauch eher als „War Gaming“ und nicht als „War Simulation“ bezeichnet. Gamification wirkt immer motivierend.

Deshalb: Wenn es ernst wird, spielen Sie ein Spiel!